Vom Matchproblem zum Trainingsziel: Wie du aus deinen Matches konkrete Fortschritte ableitest

Marco Kühn
von Marco Kühn
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Du kommst vom Platz und weißt genau, was schiefgelaufen ist. 

Deine Rückhand war unsicher, bei wichtigen Punkten hast du zu passiv gespielt und nach zwei einfachen Fehlern deinen Spielplan über Bord geworfen.

Du nimmst dir vor, beim nächsten Mal konzentrierter zu spielen und weniger Fehler zu machen. Doch beim nächsten Match passiert wieder dasselbe.

Kommt dir das bekannt vor?

Viele Tennisspieler investieren viel Zeit ins Training. Sie arbeiten an ihrer Technik, verbessern ihre Fitness und beschäftigen sich mit Taktik und mentaler Stärke. Trotzdem fällt es ihnen schwer, aus ihren Match-Erfahrungen konkrete Trainingsziele abzuleiten.

Denn zwischen „Ich weiß, was falschgelaufen ist“ und „Ich kann es beim nächsten Mal besser machen“ liegt ein entscheidender Schritt.

Unterlaufen dir zu viele Fehler, die dich frustrieren? 

Probiere konkrete mentale Übungen aus, um im Wettkampf dein volles Potenzial zu entfalten.

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1. Warum „Ich muss besser spielen“ kein Trainingsziel ist

Nach einem verlorenen Match fallen dir vermutlich schnell ein paar Gründe ein: zu viele einfache Fehler, zu wenig Druck oder ein Gegner, der dich aus dem Konzept gebracht hat.

Doch was bedeutet das konkret?

Nehmen wir an, du sagst nach dem Match: „Meine Rückhand war heute schlecht.“

  • Hast du zu viele Bälle ins Netz gespielt?
  • Waren deine Schläge zu kurz?
  • Hast du den Ball zu spät getroffen?
  • Oder hast du in schwierigen Situationen die falsche Entscheidung getroffen?

Hinter einem vermeintlich technischen Problem kann auch eine taktische Ursache stecken. Wer sofort versucht, seine Rückhand technisch zu verbessern, arbeitet möglicherweise am eigentlichen Problem vorbei.

Beschreibe deshalb zunächst, was wirklich passiert ist. Aus „Meine Rückhand war schlecht“ könnte werden:

„In längeren Ballwechseln habe ich meine Rückhand häufig zu kurz gespielt. Mein Gegner konnte dadurch immer wieder angreifen.“

Das ist konkreter – und gibt dir einen Ansatz für dein nächstes Training.

2. Beobachtung oder Interpretation?

Erinnerst du dich nach einem Match vor allem an deine besten Ballwechsel oder eher an die Fehler, über die du dich geärgert hast?

Gerade nach einer Niederlage bleiben einzelne Situationen besonders stark im Gedächtnis. Dabei ist unsere erste Erklärung nicht immer die richtige.

Beobachtung: Bei mehreren wichtigen Punkten habe ich den zweiten Aufschlag des Gegners nur zurück ins Feld gespielt.

Interpretation: Ich war zu ängstlich und habe mich nicht getraut, aggressiver zu spielen.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht stand dein Gegner aber auch weit hinter der Grundlinie und eine andere Return-Strategie wäre sinnvoller gewesen.

Stelle dir nach dem Match drei Fragen:

  • Was ist konkret passiert?
  • In welchen Situationen ist es passiert?
  • Welche möglichen Ursachen gibt es?

Du musst nicht sofort die perfekte Erklärung finden. Suche nach einer plausiblen Ursache, die du im Training überprüfen kannst.

Es geht nicht darum, möglichst viele Fehler zu finden. Entscheidend ist, die Muster zu erkennen, die dein Spiel wirklich beeinflussen.

3. Welches Problem macht den größten Unterschied?

Nach einem Match fallen dir vielleicht fünf Dinge ein, die du verbessern möchtest. Trotzdem solltest du nicht alles gleichzeitig angehen.

Wähle zunächst einen Schwerpunkt. Dabei helfen drei Fragen:

  • Wie häufig tritt das Problem auf?
  • Wie stark beeinflusst es mein Spiel?
  • Kann ich durch mein eigenes Verhalten etwas daran ändern?

Stell dir vor, du hast im letzten Mannschaftsspiel viele Punkte verloren. Dir fallen drei mögliche Baustellen auf: ein unsicherer erster Aufschlag, Konzentrationsprobleme nach Fehlern und eine späte Reaktion auf kurze Bälle.

Was davon beeinflusst dein Spiel am stärksten?

Wenn du nach einem Fehler regelmäßig auch den nächsten Punkt verlierst, könnte deine Reaktion zwischen den Ballwechseln ein guter Ansatzpunkt sein. Wenn du dagegen häufig unter Druck gerätst, weil du kurze Bälle zu spät erkennst, solltest du dort ansetzen.

Es gibt keine allgemeingültige Reihenfolge. Wichtig ist, dass du dich bewusst entscheidest.

Ein klarer Trainingsschwerpunkt bringt dich meist weiter als fünf gute Vorsätze.

4. Mach aus deinem Problem eine konkrete Aufgabe

Jetzt wird es praktisch: Wie übersetzt du deine Erkenntnis in eine Trainingsübung?

Angenommen, du hast festgestellt, dass deine Rückhand in längeren Ballwechseln häufig zu kurz wird.

Ein ungenauer Vorsatz wäre: „Ich muss meine Rückhand verbessern.“

Konkreter wäre: „Ich möchte meine Rückhand so spielen, dass mein Gegner nicht sofort angreifen kann.“

Daraus lässt sich eine passende Übung ableiten: Spiele mit deinem Trainingspartner diagonale Ballwechsel. Dein Ziel ist, die Rückhand mit ausreichender Länge und sicherem Abstand zur Seitenlinie zu spielen. Dein Partner darf angreifen, sobald dein Ball zu kurz wird.

Du trainierst damit nicht einfach mehr Rückhände, sondern genau die Situation, in der dein Problem auftritt.

Das funktioniert auch bei mentalen Herausforderungen:

Matchproblem: Nach einem einfachen Fehler verliere ich häufig die Konzentration.

Trainingsziel: Ich möchte nach Fehlern schneller wieder einen klaren Fokus finden.

Trainingsaufgabe: Spiele einen Trainingssatz und nutze nach jedem eigenen Fehler eine feste Routine: ausatmen, den Fehler akzeptieren und vor dem nächsten Punkt eine konkrete Aufgabe festlegen.

So wird aus einer allgemeinen Erkenntnis eine Handlung, die du gezielt üben kannst.

5. Funktioniert es auch unter Matchbedingungen?

Du hast die Übung im Training gut umgesetzt. Heißt das automatisch, dass sie im Match funktioniert? Nicht unbedingt.

Im Training kennst du häufig die Aufgabe. Im Wettkampf kommen Spielstand, Gegner und Emotionen hinzu. Deshalb solltest du deine neue Lösung schrittweise unter anspruchsvolleren Bedingungen testen.

Stufe 1: Bewusst ausprobieren

Konzentriere dich im Training auf deine Aufgabe. Achte darauf, wann sie funktioniert und wann nicht.

Stufe 2: Unter Druck anwenden

Baue die Aufgabe in Trainingssätze oder Übungen mit kritischen Spielständen ein.

Stufe 3: Im Match überprüfen

Nimm dir für dein nächstes Punktspiel einen klaren Fokus vor. Versuche nicht, dein gesamtes Spiel umzustellen. Konzentriere dich darauf, die neue Aufgabe in den passenden Situationen umzusetzen.

Dabei zählt nicht nur das Ergebnis. 

Du kannst ein Match verlieren und trotzdem Fortschritte machen, wenn du deine neue Aufgabe konsequenter umgesetzt hast. Umgekehrt bedeutet ein Sieg nicht automatisch, dass du dich in diesem Bereich verbessert hast.

Behalte den Spielstand im Blick, aber frage dich zusätzlich: Habe ich die Entscheidungen getroffen und die Dinge umgesetzt, die ich mir vorgenommen hatte?

6. Prüfe, was sich verändert hat

Nach dem nächsten Match geht der Prozess von vorne los. Diesmal weißt du allerdings, worauf du besonders achten möchtest.

Frage dich:

  • Wann konnte ich meine neue Aufgabe umsetzen?
  • In welchen Situationen fiel es mir noch schwer?
  • Was hat sich im Vergleich zu früher verändert?
  • Sollte ich die Aufgabe wiederholen oder anpassen?

Vielleicht spielst du deine Rückhand inzwischen häufiger mit ausreichender Länge, wirst unter Druck aber noch zu kurz. Dann musst du nicht von vorne anfangen. Du kannst deine Aufgabe gezielt um Drucksituationen erweitern.

Und wenn dein Ansatz nicht funktioniert? Auch das ist eine Erkenntnis. Entwicklung bedeutet nicht, an jeder einmal gewählten Lösung festzuhalten, sondern aus Erfahrungen zu lernen und den eigenen Ansatz anzupassen.

Vom Match zur Entwicklung: Punkt für Punkt

Du musst nicht jedes Match ausführlich analysieren. 

Oft reichen wenige Minuten und die richtigen Fragen.

Halte fest, was passiert ist. Erkenne ein wiederkehrendes Problem. Wähle einen Schwerpunkt und mach daraus eine konkrete Trainingsaufgabe. Prüfe anschließend, ob du das Gelernte im Match umsetzen kannst.

Das Tennisjournal POINT BY POINT hilft dir, deine Matches strukturiert zu reflektieren, wiederkehrende Muster zu erkennen und daraus konkrete Trainingsschwerpunkte abzuleiten.

Denn ein Match ist mehr als eine Gelegenheit, zu gewinnen oder zu verlieren. Es zeigt dir, was in deinem Spiel funktioniert – und wo du ansetzen kannst.

Match → Analyse → Erkenntnis → Trainingsschwerpunkt → Entwicklung.

PS:

Dies ist ein Gastartikel von Lukas vom Tennisjournal POINT BY POINT.

Marco Kühn
Marco Kühn
Marco stand das erste Mal mit sieben Jahren an der Grundlinie, ist ehemaliger Jugendranglistenspieler und heute Tennis-Mentaltrainer (er arbeitete unter anderem mit Justin Engel und Marcel Hornung zusammen) und Datenanalyst von tennisviz.com. Er publizierte Fachartikel für tennisnet.com, tennisMAGAZIN, Tennis-Point und den Focus.

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