Hinweis für dich: dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Lennart Balg.
Tennis ist wie jede andere Sportart etwas, bei dem sich durch tägliches Training die eigenen Fähigkeiten und das Leistungsvermögen positiv beeinflussen lassen.
In das professionelle und semiprofessionelle Trainingsprogramm gehören Inhalte wie die körperliche Fitness, die Erhöhung des Konzentrationsvermögens sowie der Stresstoleranz und nicht zuletzt auch die Technik.
Für viele Vereinsspieler zählt vor allem die Technik zu den wichtigsten Punkten in der Arbeit auf dem Trainingsplatz. Aber ist die Technik wirklich der entscheidende Faktor für den Erfolg oder Misserfolg auf dem Platz?
Die Antwort auf diese Frage ist ein entschiedenes Jein.
Ohne die notwendigen Grundlagen in der Beherrschung des Schlägers und des Balls wird man auf keinen grünen Zweig kommen. Die Technik „aus dem Lehrbuch“ oder „aus der Vorstellung deines Trainers“ darf also in keiner professionellen Trainingsgestaltung fehlen. Aber, das sind Dinge, die in ihrer Ausschließlichkeit nur auf dem Trainingsplatz ihre Berechtigung haben.
Sobald sich ein Spieler einem Match mit einem Kontrahenten stellt, und sei es auch nur ein Trainingsmatch, kommt neben Technik, körperlicher Verfassung und mentaler Fitness noch ein weiterer Faktor hinzu, der mit den anderen Faktoren wechselwirkt. Die Rede ist von der Umsetzung der technischen Grundlagen unter den stets unvorhersehbaren Bedingungen des Matches.
Mit dem ersten Aufschlag beginnt ein einzigartiges Spiel mit unbekannten Ballwechseln. Selbst dann, wenn ein guter Spieler schon zig Matches in seinem Erfahrungsschatz hat, muss er sich vollkommen neu auf den Gegner, die eigene Tagesform, die Witterungsbedingungen und die mentalen Herausforderungen einstellen.
Deine beste Technik am Racket hilft nichts, wenn Du es nicht schaffst, die Bälle des Gegners richtig zu berechnen. Oder du mentales Training nutzt. Deine Laufwege, Bewegungen und Stellung zum Ball sowie das Timing für den nächsten Schlag musst Du richtig koordinieren. Wer zu spät am Ball ist oder wer Schwierigkeiten mit dem Einkalkulieren des gegnerischen Spins hat, wird auf Dauer trotz einer hervorragenden Technik auf verlorenem Posten stehen.
Es geht also vor allem darum, dich für den jeweils nächsten Schlag vorausschauend in die richtige Position auf den Platz zu bringen. Und das steht in keinem Technik-Lehrbuch. Versprochen. Kein Technik-Lehrbuch kann dir etwas darüber sagen, was dein Gegner sich für seinen nächsten Gewinnschlag einfallen lässt.
Die Technik ist so etwas wie die theoretische Grundlage der einzelnen Schläge im Tennis. Jedem Schlag wird im Lehrbuch eine eigene, idealisierte Technik zugeschrieben, die einem bestimmten Schema folgt. Selbstverständlich gibt es für jeden einzelnen Schlag technische Variationen, die man allesamt als “richtig” bezeichnen kann – beispielsweise die einarmige/beidarmige Rückhand oder der Pinpoint/Plattform Aufschlag.
Unabhängig von den Variationsunterschieden basiert die Technik stets auf der Prämisse der perfekten Bedingung: Der Ball kommt am erwarteten Ort auf, fliegt in der richtigen Höhe und Geschwindigkeit und der richtigen Dosis an Spin beinahe punktgenau auf deinen Schläger, sodass Du die Lehrbuchtechnik ausführen kannst.
Wird eine der folgenden Variablen verändert, ist die theoretische Technik nicht mehr einzuhalten:
In diesem Fall musst Du auf die veränderten Bedingungen reagieren und die Technik dementsprechend anpassen. In diesem Zusammenhang spricht man von der Ausführung. Man könnte die Ausführung demnach auch als die Übertragung der technischen Grundlage an die veränderten Bedingungen bezeichnen.
Abgesehen von den Eigenschaften des zu dir kommenden Balles wird die Ausführung auch und vor allem durch deine Schlagabsichten und deine Position beeinflusst. Je nachdem, wohin Du spielen willst, mit welcher Geschwindigkeit Du schlägst, mit welcher Geschwindigkeit Du läufst, wie viel Zeit dir zur Schlagbewegung bleibt und in welche Richtung Du dich vom Ball weg oder zu ihm hin bewegst, wird sich die Ausführung gravierend unterscheiden.
Wie Du siehst, ist die Technik, die Du gerne mal im Training eingebläut bekommst, eine stark vereinfachte Darstellung der eigentlichen Umsetzung. Die beinahe unendlichen Variablen, die letzten Endes die Ausführung bestimmen, bleiben dabei außer acht.
Das ist auch der Grund, wieso es nicht förderlich ist, auf Teufel komm raus zu versuchen, die Lehrbuchtechnik zu perfektionieren. Wenn Du ein gutes Verständnis von der Technik hast und weiß worauf es ankommt, lass die Lehrbuchtechnik lieber im Lehrbuch.
Natürlich darf die Technik nicht einfach so über Bord gekippt werden. Vor allem für Anfänger ist sie die wichtigste Orientierung, um überhaupt einen ordentlichen Schlag, geschweige denn einen ganzen Ballwechsel hinzubekommen.
Grundlegende Technikübungen sind notwendig, um als Anfänger Kontrolle über den Ball zu gewinnen und den Körper überhaupt in die richtigen Abläufe einzuweihen. Darüber hinaus ist Techniktraining sinnvoll, um herauszufinden, wie man den Ball möglichst effizient schlägt.
Es kommt häufig vor, dass sich ein Anfänger einen Coach aussucht, der mit seinem Schützling nach Schema F vorgeht und nicht auf dessen Physiognomie (groß, klein, athletisch, beleibt, körperliche Probleme) eingeht.
Wer also den Schritt in den Verein und ins ambitionierte Spiel gehen will, sollte schon bei den ersten Trainerstunden auf die Rücksichtnahme dieser Umstände achten. Das Training, und damit auch das Techniktraining, muss an die bei jedem Spieler vollkommen individuellen Voraussetzungen angepasst werden. Auch hier gilt: Die Technik nach Lehrbuch ist nicht zielführend.
Wenn die Basics stimmen, hilft nur noch eins: Die Spieltechnik ins “echte Leben” übertragen. Den Ball so oft es geht über das Netz schlagen. Und das oft und lange. Versuche dabei nicht einfach gedankenlos auf den nächsten Punkt zu gehen, sondern den Ball und deine Bewegung zu kontrollieren und geistig anwesend zu bleiben.
Was Du brauchst, ist eine neuronale Programmierung der Bewegungsabläufe. Die Hand-Auge-Koordination, eine gute Balance auf dem Platz und die für Dich, deinen Körper und dein Spiel passende Ausführungen müssen sich in deinem Gehirn einprägen. Das muss irgendwann sein wie das tägliche Anziehen oder das Benutzen eines Fahrrades. Dadurch wird es früher oder später dazu kommen, dass Du häufiger zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle auf dem Platz stehst und mit dem richtigen Schwung und der richtigen Ausführung den Ball triffst.
Was Du nicht machen solltest, ist dir die Schläge der Profis anzusehen und sie 1 zu 1 kopieren zu wollen. Hinter den augenscheinlich mühelosen Bewegungen stecken nämlich Jahre des harten Trainings und gezielter Übungen, die jedes Detail des Bewegungsablaufs an die individuellen Gegebenheiten des Spieler angepasst haben.
https://www.youtube.com/watch?time_continue=226&v=3jwh0GfA_eo
Sieh dir dazu ein beispielhaftes Training des jungen Roger Federer an. Viele Übungen trainieren gar nur das Gleichgewicht, die Koordination und die Schnelligkeit und haben mit der eigentlichen Schlagtechnik nichts zu tun.
Wie Du siehst, ist oft die reine Technik nicht der limitierende Faktor deines Könnens. Wie Ivan Lendl zu sagen pflegte, ist die beste Technik die, die es dir erlaubt, den nächsten Schlag auf eine bestimmte Art auszuführen und den Punkt zu gewinnen. Ob das nun mit Federer’scher Eleganz geschieht oder mit der Bratpfanne ist dem Ergebnis egal.
3 Kommentare
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Marco
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