Zen und der Grund, warum du eine Schlange im T-Feld brauchst

Marco Kühn
von Marco Kühn

Aufmerksamkeit.

Zahllose Wörter wurden und werden darüber verloren.

Welcher Trainer hat noch nicht das Wort „Aufmerksamkeit“ genutzt? Es wird sich keiner finden lassen.

Aufmerksam soll der Gegner beobachtet werden. Doch kriegen manche Spieler teilweise nicht mal mit, ob ihr Gegner mit links oder rechts spielt.

Aufmerksam will der Ball angeschaut werden. Doch wissen einige Spieler selbst nach Jahren nicht, wie sich der Ball eigentlich dreht, wenn der Gegner Topspin spielt.

Aufmerksamkeit ist ein Wort. Der Sinn dahinter bleibt für die meisten Tennisspieler aber verborgen. Zu weit erstreckt sich der Begriff. Mit Aufmerksamkeit verbindet man schnell Konzentration und das bloße Hinschauen.

Genau das ist Aufmerksamkeit aber nicht.

Aufmerksamkeit ist Energie. Und diese muss entstehen.

Auf dem Tennisplatz muss man alles um sich herum ausblenden.

Ich traf mal einen Spieler nach einem langen Match an. Das Spiel fand an einem heißen Sommertag statt. Die Asche war staubig und trocken. Das Match war auf einem guten Niveau.

Der Spieler den ich traf konnte mir genau sagen, wann welcher Zuschauer geklatscht hatte, obwohl er nicht hätte klatschen dürfen. Er wusste genau, dass sich der blonde Junge, der links von seiner Bank saß, öfters mit einem bunten Taschentuch die Nase geputzt hatte. Er wusste genau, dass die braunhaarige Dame mit dem roten, knappen Rock und dem schwarzen Top ihn stets anlächelte. Besonders regelmäßig vor seinem eigenen ersten Aufschlag.

Der Spieler verlor das Match knapp in drei Sätzen. Nach hartem Kampf und einem ständigen Auf und Ab.

Jetzt kommt der Clou.

Laut seiner Aussage war er voll konzentriert und aufmerksam auf dem Platz. Das gesamte Match über „im Tunnel“. Mental ausgelaugt sei er, gab er nach dem Match vor meiner Nase zu Protokoll.

Ja. Er mag aufmerksam und konzentriert gewesen sein. Aber nicht hinsichtlich des laufenden Matches. Natürlich sind Frauen am Spielfeldrand interessant. Doch fördern sie nicht die Leistung auf dem Platz.

Sein Budget an wahrhaftiger Aufmerksamkeit verbrannte er für Röcke und laufende Nasen.

Die Geschichte von der Schlange in deinem Zimmer

Jiddu Krishnamurti erzählt in seinem Buch „Einbruch in die Freiheit“ die Geschichte von der Schlange. Ein grandios-simples Beispiel, was Aufmerksamkeit wirklich ist.

Aufmerksam bist du, wenn du mit einer Schlange in deinem Zimmer eingesperrt bist. Dich interessiert dann nicht die laufende Waschmaschine, die Mahnung von Zalando oder der Streit mit deinem Partner.

Dich interessiert, wie sich die Schlange bewegt. Wie groß und schnell sie ist. Wie elegant sie ihren furchteinflößenden Körper durch dein Zimmer chauffiert.

Du nimmst jedes noch so leise Geräusch war. Ein Knacken des Fußboden. Das Geräusch deiner Schritte. Das Zischen der Schlange. Du studierst, was die Schlange tut – was sie als nächstes tun könnte.

Du versuchst Lösungen zu finden, um diese Situation friedlich und schnell zu klären. Deine volle Aufmerksamkeit ist entfaltet. In solch einer Situation kannst du dein volles Potential – und noch mehr – abrufen.

Wie kriegt man die Schlange auf den Platz?

Sieh dir den Ball genau an, wenn du zum Aufschlag bereit stehst. Sind die kleinen Haare der Filzkugel noch glatt und fest? Oder ähneln sie eher der Frisur von Ion Tiriac?

Fahre mit deinem rechten Fuß über die Asche. Ist der Boden rutschig? Ist er stumpf? Schaue, ob die Sandkörner grob oder eher winzig sind. Ob die Körner nah aneinander liegen oder sich schon weit voneinander entfernt haben.

Sieh zu deinem Gegner rüber.

Steht er nah an der Grundlinie? Oder will er eher defensiv returnieren? Steht er mehr Richtung Platzmitte oder äußerem Korridor?

Betrachte den Himmel und stelle dich auf die Sonne ein. Lausche dem Wind und finde heraus, wie du ihn für deinen Aufschlag nutzen kannst.

Gehe in Gedanken deine Aufschlagbewegung durch. Stelle dir vor, wie du den Ball ideal hoch wirfst. Wie du in voller Streckung, mit leichtem Absprung, den Ball genau in der Mitte der Schlägerfläche triffst.

Fühle dich so, als würde eine Schlange im T-Feld sitzen und nur dein perfekter Aufschlag würde sie verscheuchen können.

Marco Kühn
Marco Kühn
Marco ist ehemaliger Jugendranglistenspieler. Er ist auf dem Tennisplatz groß geworden und Federer-Fan. Heute hilft er Tennisspielern emotional kontrolliert und taktisch überlegen Matches zu gewinnen.

Unterlaufen dir im Match zu viele vermeidbare Fehler?

Trage dich für meine täglichen E-Mail-Tipps ein und erhalte kostenlos das Mini-eBook "Warum spielerisch starke Spieler im Match an sich selbst scheitern - und wie man mehr Matches gewinnt". Lerne, wie du echtes Selbstvertrauen für deine Grundschläge entwickelst - auch unter Anspannung.
Deine Daten sind sicher wie das Cross-Spiel von Daniil Medvedev. Hier ist meine Datenschutzerklärung. Mit deiner Eintragung erhältst du täglich Tipps und Angebote zu Kursen und Seminaren.

3 Kommentare

Barbara Reiter
Barbara Reiter
Sehr lehrreich
Marco
Marco
Hallo Barbara,

vielen Dank für dein Feedback :-)
Barbara Reiter
Barbara Reiter
Wie wahr , die Kommentare vom Mannschaftsführer ,bist vom Ball zu weit weg, so spielt man ..., musst einen Punkt machen sonst ist der Satz im A dass ist auch unmöglich, dein Rat ist spitze, werd mir's hinter die Ohren schreiben!

Was denkst du?

© 2022 tennis-insider.de
DatenschutzImpressum
..