Warum du dein Spiel zerbrechen solltest - und wie du besseres Tennis spielst

Marco Kühn
von Marco Kühn
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Ein Freund von mir wollte sich „nur schnell“ einen neuen Tennisschläger kaufen. 

Er lief in den Laden, sah ein cooles Racket, der Verkäufer redete von Leistung, Rahmen und „perfekt für jeden Spieler“.

Zehn Minuten später war das Ding bezahlt.

Auf dem Platz stellte sich heraus:

  • kaum Gefühl beim Schlag
  • Gewicht zu hoch
  • Armschmerzen nach den ersten drei Partien

Zwei Wochen später saß er am Rechner. Diesmal mit zehn geöffneten Tabs, einer Liste mit Anforderungen und dem Gedanken:

„Hätte ich mir vorher einen Überblick verschafft, hätte ich mir 300 € Ärger gespart.“

Er kaufte schließlich ein anderes Modell.

Das erste verkaufte er mit Verlust.

Was lernen wir daraus?

Wer sich vor wichtigen Entscheidungen einen klaren Überblick verschafft, der kommt weiter. 

In diesem Artikel stelle ich dir die super-simple Overview-Methode vor. Keine Angst vor dem englischen Wort. Diese Methode ist einfacher umzusetzen, als den Ball mit dem Rahmen aufzutippen.

Mit dieser Methode kannst du dein gesamtes Spiel verbessern, indem du dein Spiel zunächst in seine Einzelteile zerlegst. Dann bewertest du diese Einzelteile und setzt dein Spiel wieder neu zusammen. 

Während dieses Prozesses wirst du viele kleine Details finden, die du in deinem Spiel verbessern kannst.

Klingt interessant?

Dann lass uns starten.

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Was ist die Overview-Methode?

Wie der Name bereits verrät, holst du dir einen Überblick über dein Spiel.

Das Wörtchen "Overview" bedeutet nichts anderes als Überblick. Du arbeitest also mit der "Überblick-Methode". Wenn ein Trainer einen neuen Spieler in sein Training aufnimmt, dann verschafft dieser sich auch erstmal - genau, einen Überblick.

Er schaut sich die Schläge des Spielers an:

Er schaut sich die Beinarbeit an. Er schaut sich an, welcher Spielertyp dieser Spieler ist:

Nach diesem Überblick legt der Trainer die Stärken und Schwächen fest. Nachdem er dies getan hat, beginnt er die Stärken zu verbessern und die Schwächen auszubügeln. Das ist eine simple Struktur, um einen Tennisspieler zu verbessern.

Ich kann dir bereits jetzt verraten:

Verbessere immer nur ein Detail deines Spiels. Dieses Detail sollte so klein sein, dass es beim Aussprechen lächerlich in deinen Ohren klingt.

Was können solche kleinen Details sein?

  1. das Anschauen des Balles
  2. ein Ritual vor dem zweiten Aufschlag
  3. deine Position an der Grundlinie
  4. die letzten drei Schritte zum Ball
  5. die ersten drei Schritte zum Ball
  6. das Verhalten nach einem Schlag

All das sind kleine Hebel, die einen großen Einfluss auf deine Performance zwischen T- und Grundlinie haben können.

Mit der Overview Methode verschaffst du dir einen Überblick über Hebel in deinem Spiel, die du anschließend in noch kleinere Hebel "zerlegen" kannst. 

Wir werden gleich im Detail besprechen, wie die Overview-Methode für dein Spiel funktioniert. Du wirst noch heute damit starten können, dein Spiel zu verbessern.

Zunächst musst du aber wissen:

Warum ist die Overview-Methode wichtig für dein bestes Tennis?

Betriebsblind.

Das wird man, wenn man sich zu sehr in sein eigenes "Ding" vertieft. Allein ich kenne auf Anhieb fünf Spieler, die komplett betriebsblind in Bezug auf ihr Spiel sind. Ich bin mir sicher, dass dir ebenfalls sofort fünf Spieler aus deinem Verein einfallen.

Das ist aber nicht schlimm. Denn es zeigt, dass die Spieler sich mit ihrem Spiel beschäftigen.

Es gibt da nur ein Problem.

YouTube. 

Wenn ich bei YouTube "Vorhand verbessern" eingebe, erhalte ich knapp 40 verschiedene Tricks, Kniffe und Methoden, wie ich meine Vorhand verbessern kann. Gebe ich die Suchphrase auf Englisch ein, bekomme ich 400 Methoden, Tricks und Kniffe.

Warum ist das ein Problem?

Bei uns Menschen führen zu viele Informationen zur Verwirrung. 

Wir brauchen klare, simple Anweisungen. Je mehr Optionen wir haben, desto schlechter kommt die Vorhand. Bei uns in Werl gibt es einen Imbiss, der knapp 60 verschiedene Gerichte anbietet.

60!

Da habe ich direkt mehrere Probleme:

  1. Was soll ich nehmen?
  2. Kann das, was ich nehmen will, überhaupt vernünftig zubereitet sein?
  3. Ärgere ich mich, wenn ich das nehme, was ich will - und nicht etwas anderes?

Probleme über Probleme. Und das alles nur, weil man zu viele Informationen hat.

Was kann dir in deinem Spiel helfen?

Die Overview-Methode.

Wie funktioniert die Overview-Methode für dein Spiel?

In meinen simplen Tennis-Leitfäden nutze ich viele Beispiele.

Für die Overview-Methode habe ich uns einen richtig coolen Spieler ausgesucht:

joao fonseca

Herzlich willkommen auf tennis-insider.de, lieber Joao.

Wir gehen die Overview-Methode jetzt Step by Step am Beispiel von Joao durch. Wir schauen uns die einzelnen Hebel seines Spiels an. Dann schauen wir uns seine Werte zu diesen Hebeln an.

Neben der Vor- und Rückhand gibt es weitere, wichtige Bereiche in jedem Spiel. 

Hier ist die Übersicht von Joao:

fonseca overview

Die Daten stammen von meinem Partner tennisviz.com.

Wir sehen acht unterschiedliche Hebel des Spiels:

  1. Aufschlag-Qualität
  2. Return-Qualität
  3. Vorhand-Qualität
  4. Rückhand-Qualität
  5. Punkte aus der Defensive
  6. Gewonnene Punkte von der Grundlinie
  7. Punkte, nachdem man in der Offensive war
  8. Wie oft man im Ballwechsel in der Offensive war

Der hellgrüne Kreis zeigt die Qualität von Joao. Der dunkelgrüne Kreis zeigt den Tourdurchschnitt der anderen Spieler.

Wir können allein aus diesem Überblick erkennen:

  • Joao attackiert viel
  • Joao ist ein kompakter Spieler, ohne große Schwächen
  • Macht dabei zu 68 % den Punkt. Was stark ist
  • Macht aber "nur" zu 50 % den Punkt in Grundlinienduellen. Was ein Indiz dafür ist, dass er im Offensiv-Wahn zu viele Fehler macht
  • Spielt besser Vor- als Rückhand
  • hat noch Defizite beim Return
  • schlägt stark auf

Welche kleinen Hebel kann Joao auf Grundlage dieses Overviews verbessern?

Hier eine kleine Liste mit Ideen:

  1. Rückhand-Tempo
  2. Rückhand-Länge
  3. Schlagplatzierung der Rückhand
  4. Return-Position beim Return
  5. Treffpunkt des Balles beim Return
  6. Platzierung des Returns
  7. Spiel von der Grundlinie aus einer neutralen Position heraus
  8. Fehlerquote bei der Vorhand
  9. Beinarbeit in der Defensive
  10. Übergang von Defensive in die Offensive
  11. Rückhand-Slice

Egal, welches kleine Detail er picken würde. Es würde sein Spiel komplementieren. 

Wie du die Overview-Methode für dein Spiel nutzt

Ich kenne dein Spiel leider nicht.

Aber dein Trainer kennt dich. Deine Teamkollegen kennen dich. Deine Spielpartner, mit denen du seit Jahren spielst, kennen dich. 

Und, was auch gut möglich ist:

Du kennst dich.

Wen auch immer du wählst, lass deinen Trainer oder einen Teamkollegen deine acht Hebel bewerten. Du kannst auch zwei unterschiedliche Leute zu deinen Hebeln befragen. 

Du kannst deine Hebel auch selbst bewerten.

Lass mich mit gutem Beispiel vorangehen:

Ich bewerte mein Spiel - und du kannst es mir nachmachen

Wir nehmen unsere acht Hebel und schreiben hinter jeden Hebel eine Bewertung:

  1. Aufschlag-Qualität = 5 von 10. Zu wackelig, langsam. Dafür variabel
  2. Return-Qualität = 8 von 10. Mit Abstand mein bester Schlag
  3. Vorhand-Qualität = 6 von 10. Spiele ich gut rein, mache aber viele Fehler
  4. Rückhand-Qualität = 7 von 10. Mein zweitbester Schlag
  5. Punkte aus der Defensive = ca. 30 %. Ist keine volle Katastrophe, aber auch keine Stärke
  6. Gewonnene Punkte von der Grundlinie = ca. 40 %
  7. Punkte, nachdem man in der Offensive war = ca. 60 %, das klappt gut
  8. Wie oft man im Ballwechsel in der Offensive war = ca. 20 %, viel zu selten

Das ist meine Übersicht, mit kleinen Notizen dazu. Du kannst gerne längere Notizen schreiben. Aus dieser Übersicht ergeben sich die folgenden Hebel, an denen ich arbeiten kann:

  1. Zweiter Aufschlag, Kick
  2. Erster Aufschlag, Tempo
  3. Ballwurf
  4. Stabilität beim Ballwurf
  5. Vorhand-Tempo
  6. Stellung zur Vorhand
  7. Beinarbeit vor der Vorhand
  8. Treffpunkt bei der Vorhand, wenn der Gegner zu kurz ist
  9. Rückhand-Slice
  10. Rückhand-Slice aufs T (völlig unterschätzter Schlag, den Roger Federer in Perfektion spielte)
  11. Beinarbeit (wenn dann mal vorhanden) aus der Defensive
  12. Position an der Grundlinie, wenn der Gegner schnell spielt
  13. Kontern von schnellen und flachen Bällen
  14. Länge bei Vor- und Rückhand
  15. Platzierung der Grundschläge
  16. Kontrolle des Tempos bei Vor- und Rückhand in längeren Rallys

Puhh, damit habe ich den Rest meines Lebens zu tun.

Die acht Bereiche sind richtig coole Hebel, um von dort aus einzelne Details deines Spiels zu verbessern. Du bekommst eine gute Übersicht über Bereiche, in denen du bereits gut bist und Bereiche, in denen du dich noch verbessern kannst.

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Welche Faktoren kann man noch mit einfließen lassen?

Wir können nicht jeden Spieler gleich bewerten.

Jeder Spieler hat unterschiedliche Voraussetzungen. Joao ist zum Beispiel noch sehr jung. Seine Werte sind herausragend für sein Alter und Standing.

Auch auf unserem Hobbyspieler-Niveau können wir weitere Faktoren einfließen lassen. Es ist wichtig, wie lange ein Spieler bereits das Racket schwingt. Wie oft ein Spieler die Woche spielt, ist ebenfalls wichtig. 

Man kann die Overview-Methode früh anwenden. 

Auch bei Spielern, die noch nicht so lange spielen und noch zu den Tennis-Anfängern gehören. Die Overview-Methode dient nicht dazu, einen Spieler bloßzustellen. Sie dient dazu, eine Übersicht über die Fähigkeiten des Spielers zu gewinnen, damit dieser sich effektiv verbessern kann.

Aus diesem Grund ist die Overview-Methode auch für Trainer eine super Sache.

Wann kann man seine Hebel neu bewerten?

Beim Tennis verändert sich nicht viel von heute auf morgen. Man braucht Ruhe, Geduld und Beharrlichkeit. Verbesserungen finden nicht innerhalb von Tagen statt. Wenn du nach jeder Sommersaison dein Spiel neu bewertest und die Hebel der Overview-Methode durchgehst, hast du einen guten Rhythmus gefunden.

Pass auf Euphorie und Rückschläge auf.

Auf deinem Weg zum Clubmeister wirst du grandiose Tennistage haben. Du wirst aber auch Tage haben, an denen du am liebsten dein Racket an einen rostigen Nagel im Keller hängen würdest.

Das ist der ganz normale Verlauf einer Tenniskarriere. Beim Profi, aber auch bei dir, einem Clubspieler. Bewerte deine acht Hebel weder auf einem Leistungspeak noch in einer Downphase. Das würde deinen Overview verfälschen.

Positiv, wie auch negativ.

Dein nächster Schritt

Ich würde vorschlagen:

Schnapp dir einen Stift und Papier. Oder öffne eine App. Kopiere dir die acht Hebel aus diesem Artikel in eine Textdatei. Bewerte dich selbst oder setze dich mit deinem Trainer oder einem Teamkollegen zusammen. 

Beginne mit der ehrlichen Bewertung deiner Fähigkeiten. Nimm dazu nicht nur dein letztes Match als Referenzpunkt. Hole dir einen echten Überblick über dein Spiel. 

Nachdem du die Werte zu jedem einzelnen der acht Hebel eingetragen hast, kannst du dir Notizen zu jedem Hebel machen. Notiere, was zu jedem Hebel in deinem Kopf ist. Lass es einfach raus. Das muss keine durchdachte Analyse sein.

Wenn du dann deine Bewertung plus Notizen fertig hast, schreibst du eine Ideenliste mit Verbesserungen auf. Auch das kannst du mit deinem Trainer oder Teamkollegen machen. hau eine Liste mit mindestens zehn kleinen Hebeln für dein Spiel raus.

Dann kannst du diese Liste mit kleinen Hebeln nach Wichtigkeit sortieren. 

Hast du diese Liste sortiert, beginnst du für die nächsten sechs Wochen mit dem ersten kleinen Hebel für dein Spiel.

Ich wünsche dir dabei viel Spaß und vor allem Erfolg!

Marco Kühn
Marco Kühn
Marco ist an der Grundlinie groß geworden, ehemaliger Jugendranglistenspieler und heute Tennis-Mentaltrainer für Hobby-Turnierspieler, Jugendspieler und Profispieler. Er publizierte Fachartikel für tennisnet.com, tennisMAGAZIN, Tennis-Point und den Focus.

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