
Jannik Sinner vs. Joao Fonseca.
Was ein Match-Up.
Die Tenniswelt schaute gebannt nach Indian Wells. Leider fand dieses Match der Superlative mitten in der Nacht unserer Zeit statt.
Aber:
Ich werde versuchen, das Match zwischen diesen beiden Ausnahmespielern so detailliert wie möglich zu analysieren. So, dass du ein Gefühl dafür bekommen kannst, was da zwischen den beiden Jungs auf dem Center Court geschah.
Das Match besaß eine spannende Geschichte.
Bevor wir uns auf die Daten und Zahlen dieses Matches stürzen, müssen wir kurz eine Frage beantworten:
Es war tatsächlich das erste Duell.
Zuvor hatten die beiden noch nie gegeneinander gespielt.
Joao Fonseca kam mit einer schwächeren Form nach Indian Wells. Allerdings hatte er zuvor leichte Rückenprobleme. Ich könnte mir vorstellen, dass er dadurch auch weniger trainieren konnte und schlicht nicht gut im Schlag war.
Hier die Formkurve von Joao:

Nach Paris kam eine kleine Pause.
In Buenos Aires und Rio blieb Fonseca hinter den Erwartungen zurück. Er konnte sich dort aber Matchpraxis holen.
Sinner hingegen war im "Clutch-Modus", wie die Amis gerne sagen. Messerscharfes Tennis, eiskalt und mit einer guten Form.
Wir hatten damit die folgende Situation:
Der Mann, der als Herausforderer von SinCaraz gehandelt wird, kommt mit einer schwachen Form zum ersten Duell mit Jannik Sinner. Dem Mann, der mit Carlitos "Charly" Alcaraz das Tennis dominiert wie zuvor Novak Djokovic.
Eine coole Ausgangslage für ein großes Match.
Wir werfen zunächst einen Blick auf die Gesamtperformance der beiden Spieler. Allein dieser Blick zeigt uns, welch hohes Niveau das Match hatte.
Hier die Zahlen:

Wie setzt sich das Performance-Rating zusammen?
Aus diesen Bereichen:
An dieser Stelle müssen wir kurz über den vierten Punkt, die Schlagqualität von Sinner und Fonseca in diesem Match sprechen.
Beim Aufschlag und beim Return sah es so aus:

Beim Serve sehen wir kleine Vorteile für Jannik Sinner. Beim Return hingegen GROßE Vorteile für Jannik Sinner.
Wie sah es bei Vorhand und Rückhand aus?

Auf beiden Seiten Vorteile für den Brasilianer. Mit der Vorhand spielte Fonseca nahezu am Limit. Auch mit der Rückhand war Fonseca stabiler und effektiver von der Grundlinie.
Interessant ...
Sagt man nicht, der Aufschlag sei der wichtigste Schlag im Tennis? Manchmal mag er das sein.
Manchmal mag dies aber auch der Return sein. Hätte Fonseca besser returniert, hätte er 7:6 und 7:6 gewinnen können. Das ist ein kleines Detail, das wir auf Grundlage dieser ersten Daten festhalten können.
Lass uns tiefer ins Detail gehen.
Beide Spieler spielen ein ähnliches Tennis. Nah an der Grundlinie. Flottes Tempo in der Rally. Fonseca besitzt dazu ein wahres Markenzeichen in seinem Spiel.
Seine Vorhand ist ein Reality-Highlight-Reel und hat dem YouTube-Channel von Tennis TV bereits Tausende Klicks gebracht.
Hier sind zehn Minuten Fonseca-Vorhände am Stück:
Was uns zu einer wichtigen Frage führt, wenn wir das Match zwischen Jannik Sinner und Joao Fonseca detailliert analysieren wollen.
Das Selbstvertrauen eines Spielers ist unweigerlich mit seinem besten Schlag gekoppelt.
Du kennst das aus deinen Meisterschafts- und Turniermatches.
Wenn du die ersten Vorhände im Match gut triffst, gibt dir das ein echtes, gesundes Selbstvertrauen in dein gesamtes Spiel. Du fühlst dich "sicherer" auf dem Platz. Deine Gedankengänge sind positiver. Fliegen die ersten Vorhände hingegen kreuz und quer Richtung Zaun und Netz, fühlst du dich unsicher. Dir fehlt diese Prise Selbstverständnis für dein Spiel.
Fonseca schlug mit seiner Vorhand 16 Winner.
In den ersten vier Aufschlagspielen unterliefen ihm nur zwei Fehler mit der Vorhand. Bis zum 2:2 schlug er vier Vorhand-Winner.
Das war ein starker Start ins Match. Genau das muss ihm Selbstvertrauen für den Rest des Matches gegeben haben. So sahen die ersten vier Spieler mit der Fonseca-Vorhand aus:

Allerdings unterliefen ihm im Verlauf des Matches auch zwölf vermeidbare Fehler. Er geht mit seiner Vorhand-Fackel oft maximales Risiko. Sinner ist dafür bekannt, an oder auf der Grundlinie in seiner Skifahrer-Position zu "grinden".
Dadurch kommen die Bälle schneller zurück. Das Tempo in der Rally bleibt hoch.
Zwölf Fehler und 16 Winner sind gut. Diese Statistik sehe ich als kleines Qualitätsmerkmal dieses Matches - auf der Seite von Joao. Wäre die Statistik umgekehrt gewesen, wäre das Ergebnis vermutlich deutlicher gewesen.
Interessanterweise spielte Fonseca mit seiner Vorhand öfters in die Vorhand als in die Rückhand von Sinner:

41 % der Vorhände gingen in Sinners Vorhand.
"Nur" 38 % fanden in der Sinner-Rückhand ihr Ziel.
Wäre ich Fonseca-Coach, würde ich das Spiel durch die Mitte forcieren. Die schnelle Vorhand von Fonseca würde, durch die Mitte gespielt, dem Gegner weniger Zeit plus weniger Winkel geben.
Eine Kombination, die man als Gegner nicht braucht. Allen voran bei den Big-Points oder in den Phasen, in denen das Momentum zu wechseln scheint.
Man könnte meinen, dass der Plan von Fonseca darin bestand, die unfassbar stabile Rückhand von Sinner aus dem Spiel zu nehmen. Soweit das gegen den Südtiroler möglich ist. Sinner spielt Matches, in denen er so gut wie gar keine Fehler mit der Rückhand macht.
Wir kommen gleich noch zu den Zahlen von Jannik.
Interessant ist auch die Zahl der Vorhand-Winner von Fonseca im Tiebreak des zweiten Satzes. Eine Phase im Match, in der eine (bzw. die) Entscheidung anstand.
Konnte Fonseca hier seine große Stärke effektiv einsetzen?

Joao wurde ein bisschen kurz.
Dazu konnte er "nur" zwei Vorhand-Winner im Tiebreak des zweiten Satzes schlagen. Das muss gar nicht an seinem Nervenkostüm gelegen haben. Sinner schmiss in dieser Matchphase alles in jeden Ballwechsel.
Er fuhr sein Level nochmal hoch.
Und drückte mit seiner Vorhand auf die Tube:

Starke Länge. Super konstant.
Fünf Vorhand-Winner in der entscheidenden Phase des Matches. Das war der eventuell entscheidende Unterschied in diesem Match. Der Underdog, der junge Wilde, der Herausforderer, konnte seine größte Stärke noch nicht im entscheidenden Moment von der Bespannung lassen.
Der Champ hingegen spielte sein bestes Tennis. Fuhr sein Niveau hoch. Ließ dem Underdog kaum Luft zum atmen.
Fun-Fact:
Sinner dominierte in der entscheidenden Phase des Matches mit dem Schlag, den Joao im gesamten Match über öfters angespielt hatte - die Vorhand.
Ironie ist, dass Joao den Schlag "warm gespielt" hat, den Sinner dann zur Entscheidung nutzte. Das ist Humor, wie wir Tennisfans ihn mögen.
Lass uns schauen, wie die Winner und Fehler in diesem Match verteilt waren.
Joa Fonseca unterliefen im Match 24 Fehler.
Jannik Sinner kam auf 21 Fehler.
Bei einem so engen Ergebnis können diese drei Fehler einen entscheidenden Einfluss gehabt haben. Manche Matches werden von kleinen Details entschieden. Besonders dann, wenn auf einem solch hohen Niveau wie in diesem Match gespielt wird.
Was uns zu den Winnern führt.
Na, du denkst jetzt, Fonseca schlug mehr Winner?
Da muss ich dich enttäuschen.
Fonseca schlug insgesamt 27 Winner. Sinner 38. Das ist ein ordentlicher Unterschied. Sinner war zu seiner Teeniezeit ein reiner Hardhitter. Er spielte fast schon zu schnell. Dadurch war sein Spiel fehleranfälliger.
Auf seinem Weg zum Champion injizierte ihm Darren Cahill eine Prise Djokovic.
Sinner spielt seitdem mehr durch die Mitte, mit mehr Kontrolle und schlicht sicherer. Er hat aber nie den Killerinstinkt verloren, um viele Winner zu schlagen. Wenn der Gegner Schwäche zeigt und kurz wird, dann ist Jannik Sinner gnadenlos.
Lass uns dazu zunächst schauen, wo beide an der Grundlinie ihre Position suchten.
Bei Sinner sah dies im Verlauf der Partie so aus:

Jannik stand in den meisten Ballwechseln keine zwei Meter hinter der Grundlinie.
Zu 49 % befand er sich zwischen Grundlinie und der 2-Meter-Marke.
Im Finale gegen Daniil Medvedev war er da noch strikter:

Fonseca schaffte es, Jannik weiter hinter die Grundlinie zu treiben.
Wie sah es bei Joao Fonseca aus? Konnte er nah an der Grundlinie bleiben und diese Position verteidigen?

Das konnte er.
Fonseca war sogar noch aktiver an der Grundlinie. Er konnte einen Tick öfters ins Feld gehen, um von dort weiter in die Offensive zu gehen.
Beide Spieler standen nah an der Grundlinie, verteidigten diese gut und gaben Gas. Wenn zwei solche Spielertypen mit diesen Eigenschaften aufeinandertreffen, dann kann es nur ein Spektakel werden. Dazu spielte Fonseca ein hohes Niveau. Wir haben das zu Beginn unserer Analyse im Performance-Tracking sehen können.
Einige Zeilen weiter oben analysierten wir, dass Joao mehr die Vorhand von Jannik suchte.
Wie sah das bei Sinner aus? Spielte er auch bewusst in die Vorhand?
Der Südtiroler ist definitiv nicht masochistisch veranlagt. Er wählte selbstverständlich den Weg über die Rückhand von Fonseca:

Knapp die Hälfte (!) aller Schläge gingen in die Rückhand von Joao.
Ein ganz kleiner Mini-Tick mehr ging es durch die Mitte. Fonseca spielte zu 21 % mittig. Wir sehen viele Winner in die Vorhand-Ecke von Fonseca.
Sinner ging also penetrant über die Rückhand, um die Seite zu öffnen und über die Vorhandseite abzuschließen. Diese Taktik ist aufgrund der Spielanlage von Fonseca nicht überraschend.
Ein Match auf Augenhöhe.
Fonseca konnte sich an das Spielniveau des Gegners anpassen. Er konnte sein Spiel durchbringen und verdammt gut die Grundlinie verteidigen. Trotz seiner Formschwäche vor dem Turnier in Indian Wells war er geistig voll da. Dieses Match zeigte, wie hoch sein Selbstverständnis schon in jungen Jahren ist.
Es ist nicht leicht mit einer schwächeren Form in ein solches Match-Up zu gehen. Die ganze Tenniswelt schaute auf dieses Match. Das sind aus mentaler Sicht keine kleinen Hürden gewesen.
Fonseca konnte sich hier mehr als gut behaupten. Er war dran, er war drin im Match und weiß jetzt noch mehr als zuvor, dass er dieses Niveau kann. Ich bin mir sicher, er wird verdammt viel für sein Spiel gelernt haben.
Wie bereits einige Zeilen weiter oben geschrieben:
Ich würde ihn noch mehr durch die Mitte spielen lassen. Auch Joao kann eine Prise "Djokovic" gut in seinem Spiel vertragen.
Tja, und Jannik?
Er hat das gemanagt. Er war der bessere Mann, wenn es um die entscheidenden Punkte ging. Er war, wie fast immer, super konstant. Er war aber auch aggressiv, voller Selbstvertrauen in sein Spiel.
Kann Joao Fonseca SinCaraz auf Dauer attackieren?
Wenn er weiter lernt, weiter an sich arbeitet und seine Stärken weiter verbessert - warum nicht?

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