
Tennis ist eiskalt.
Emotionslos.
Nur eine kleine Schwäche. Und du wirst bestraft.
Mit Justin Engel hat Deutschland ein Talent an der Grundlinie, das im Kern alles mitbringt:
Power, Athletik, grandiose Einstellung und gutes Aussehen.
Du spürst es auf der Bespannung. Es folgt ein Aber-Satz. Deswegen habe ich noch das gute Aussehen mit dazu gepackt.
Aber:
Es hapert an kleinen Details.
Zu viele, um in einem Artikel darauf einzugehen. Aber die größte Stellschraube in seinem Spiel gehen wir jetzt an. Für dich als Clubspieler steckt unheimlich viel Know-how hinter den Daten, die wir gleich besprechen.
Bleib dran, richte die Saiten und klopf dir die Asche aus den Grätensohlen.
Seitdem Justin auf der Challenger- sowie ATP-Tour angekommen ist, analysiere ich die Daten seiner Matches.
Ein Dämon kehrt dabei immer und immer wieder. In fast jedem Match setzt er sich auf seine Schultern.
Wir nennen ihn in diesem Artikel den "Break-Point-Dämon".
Wie genau macht sich dieser bösartige Dämon bemerkbar?
Justin muss in nahezu jedem seiner Matches unfassbar viele Breakbälle abwehren. Das Paradoxon dabei ist, dass er verdammt stark aufschlägt. Hier zum Beispiel die Daten aus seinem Match gegen Vit Kopriva in München:

Die Daten stammen von meinem Partner tennisviz.com.
Wir gehen gleich noch tiefer in die Aufschlag-Dämon-Materie hinein. Aber wir können bereits hier interessante Fakten herauslesen.
Justin servierte beim ersten sowie zweiten Aufschlag härter als sein Gegner. Das ist gegen Vit Kopriva auch nicht schwer. Vit hat extreme Defizite in der Aufschlagtechnik. Diese macht es ihm unmöglich, konstant Bretter zu servieren.
Justin war mit seinen Aufschlagspielen schneller fertig. Er brauchte durchschnittlich 2 Minuten und 58 Sekunden.
Vit brauchte 3 Minuten und 23 Sekunden.
Macht Sinn, wenn Justin der "härtere" Aufschläger ist.
Auch beim zweiten Serve servierte Justin mit mehr Wumms als der Gegner. Er war hier also in jeder Hinsicht der "stärkere" Spieler.
Doch lass uns genauer hinschauen.
Vit Kopriva spielte 80 % der ersten Aufschläge von Justin zurück. Justin spielte "nur" 76 % der ersten Aufschläge von Vit zurück.
Jetzt kann man unterstellen, dass Vit der bessere Returnspieler ist. Das wäre aber nur ein möglicher Teil der Wahrheit. Kopriva ist auf der Tour nicht für unglaubliche Returnfähigkeiten gefürchtet.
Es muss also einen anderen Grund geben. Wir werden weiter analysieren und gleich feststellen, wo das große Problem bei Justin liegt und warum dieses Problem ihn Matches kostet.
Schauen wir uns diese Daten an:

Die Daten stammen von meinem Partner tennisviz.com.
Die Aufschlag-Quote war bei beiden Spielern identisch. Über den zweiten Aufschlag machte Justin 50 % der Punkte - was stark ist. Aber, und hier kommen wir wieder zu dem Problem mit dem ersten Aufschlag:
Mit dem ersten Aufschlag machte Justin zehn Prozent weniger Punkte als sein "aufschlagschwacher" Gegner.
Wir haben hier also einen unglaublich athletischen, jungen, dynamischen Typen. Groß, mit einem super Winkel für seinen Aufschlag. Er kann mit über 130 mph servieren.
Konstant.
Dennoch hat er ein Aufschlag-Problem.
Denn:
In 14 Matches sah sich Justin insgesamt 94 (!) Breakbällen gegenüber:

Daten aus 14 Matches von Justin Engel.
Ein Alejandro Tabilo zum Beispiel, ein Spieler, den Justin überholen könnte im Ranking, musste in 14 Matches nur 69 Breakbälle abwehren.
Dabei serviert Tabilo nicht annähernd so mächtig wie Justin.
Wir fassen kurz zusammen:
Die Preisfrage lautet also:
Er serviert doch so stark, oder nicht?!
Jupp, das tut er. Dennoch sitzt dem guten Justin regelmäßig der "Break-Point-Dämon" auf den Schultern. Warum dieser für sein mentales Spiel Gift ist, besprechen wir gleich noch.
Zunächst müssen wir aber herausfinden, warum Justin trotz seines starken Aufschlages ständig um seine Service-Games kämpfen muss.
Hier sind die Optionen, die mir mein großartiger Coach Tom nannte:
1) Justin serviert so eindimensional, dass sich die Gegner schnell auf seinen Aufschlag einstellen
2) Justin spielt nach seinem Aufschlag schwach weiter
Wir starten mit dem ersten Punkt:

Ja, das ist eindimensional.
Justin serviert mit seinem ersten Aufschlag häufig nach außen, gerne auch durch die Mitte.
Meiner Meinung nach serviert er viel zu selten durch die T-Feld-Mitte, in den Körper des Gegners. Dabei hat er durch seine Größe so einen coolen Winkel für diese Aufschlagvariation.
Er serviert zu 45 % auf der Einstandseite nach außen. Das ist sein Lieblingsaufschlag. Gerne mit Slice gespielt.
Aber:
Das wäre so ein Punkt, wo sich der Gegner nach zwei Aufschlagspielen drauf eingestellt hat. Es ist dann keine Überraschung mehr in diesem Slice nach außen. Vor allem, wenn Justin dann nichts anderes mehr spielt.
Zur Info:
Dieses Aufschlagbild ist typisch für Profispieler. Die Richtungen werden häufig so gespielt. Entscheidend ist aber nicht nur die Richtung, sondern auch die Variation von Slice, Brett und Kick.
Justin kann hier noch mehr mischen, um neue Überraschungen für den Gegner zu kreieren.
Kommen wir zum zweiten Punkt meines großartigen Coaches Tom:
Justin spielt nach seinem Serve schwach weiter.
Lass uns dazu Daten aus dem Kopriva-Match anschauen:

Aufschlag +1 Daten aus dem Match von Justin Engel vs. Vit Kopriva.
Hier sehen wir, wie Justin nach seinem ersten Aufschlag weitergespielt hat.
Zu 68 % nutzte er seine Vorhand. Nur zu 32 % "musste" er seine Rückhand einsetzen.
Daraus lese ich, dass er sich nach seinem guten, sehr harten ersten Aufschlag, in seine Rückhandecke verschiebt, um mit seiner Vorhand Dampf machen zu können.
Ich denke, so denkt er.
Und jetzt kommt er wieder, dieser fiese Aber-Satz.
Aber:
Justin machte mit dieser Kombination "nur" zu 47 % den Punkt. Seine Vorhand ist nicht schlecht. Er kann sie unglaublich hart schlagen und macht viele Punkte mit seiner Vorhand. Sie ist eventuell auch sein gefühlter Lieblingsschlag.
Die Daten sagen allerdings, dass dieser Schlag sehr wackelig ist. Weil er so wackelig ist, bekommt Justin enorme Probleme beim Aufschlag. Vor allem beim Weiterspielen nach seinem ersten Aufschlag.
Was genau bedeutet "wackelig" in unserem Falle?
1) Justins Vorhand ist anfällig für leichte Fehler. "Streuung", wie man im Clubspieler-Fachjargon sagt
2) Justins Vorhand ist zu kurz
Ja, du hast richtig gelesen. Wir haben hier wieder das Problem, dass Justin zwar hart schlägt, aber die Effizienz auf dem Sandplatz bleibt.
Das war die Länge von Justin im Match gegen Kopriva mit seiner Vorhand:

19 % seiner Vorhände landeten im T-Feld.
50 % seiner Vorhände hatten eine Länge, die nicht mal deinem aktuellen Vereinsmeister weh tut.
31 % seiner Vorhände hatten eine starke Länge.
Bei Vit Kopriva sah die Vorhand so aus:

Mehr lange Vorhände. Weniger kurze Vorhände.
Kurzum:
Effektiver als Justin. Das sind kleine Details, die ein Match entscheiden können.
Nach dem umkämpften zweiten Satz, in dem Justin nach etlichen Satzbällen endlich das Ding verbuchen konnte, ging im dritten Satz nicht mehr viel mit der Vorhand.
Hier sind Justins Vorhand-Daten aus Satz drei:

30 % seiner Vorhände landeten im T-Feld.
Nur noch 18 % seiner Vorhände hatten eine starke Länge.
Bei Kopriva sah es hingegen so aus:

Kopriva konnte sein Vorhand-Niveau halten. Er war der stabilere Spieler, der mit dem besseren Schlag eine höhere Konstanz auf die Asche bringen konnte.
All die besprochenen Daten führen mich zu folgender These:
Es ist mental anstrengend, wenn der eigentlich so starke Aufschlag immer und immer wieder Probleme bereitet.
Er serviert wie ein Bär, muss aber dennoch um zu viele Aufschlagspiele zu viel kämpfen. Selbst wenn er es bewusst nicht merkt, so stellt sich im Unterbewusstsein ein:
"Kaum ein Aufschlagspiel bringt Luft zum Atmen! Ich muss immer voll da sein!".
Im Match gegen Vit Kopriva sah er sich erneut zwölf Breakbällen gegenüber.
Das ist für so einen harten Aufschläger zu viel.
Justin ist ein Charakter und Spielertyp, der simpel gestrickt ist und seinen Matchplan simpel halten muss. Das versucht er in seinen Matches auch, aber es fehlt durch die ständigen "Ablenkungen" beim eigenen Aufschlag die mentale Frische.
Dadurch fehlt ihm die Konstanz, um sein Power-Tennis, diesen simplen, aggressiven Stiefel, effektiv durchziehen zu können. Dann steht er bei der Vorhand nicht gut zum Ball. Dann geht er viel zu früh auf den Winner.
Dann trifft er völlig banale Schlagentscheidungen.
All diese kleinen Details führen dazu, dass er Matches verliert, die er locker gewinnen könnte.
Was uns zu der logischen Frage führt:
Sein Grundgerüst ist großartig:
Das ist das Grundgerüst, das ihn in so jungen Jahren so weit nach vorne gebracht hat. Aber dieses Gerüst allein wird ihn nicht noch weiter nach vorne bringen.
Das Gerüst braucht neue Schrauben und Etagen.
Wie zum Beispiel:
Mehr Variation beim ersten Aufschlag: Kick auf Mann, Slice auf Mann, Brett auf Mann, Serve and Volley. Drei dieser Variationen pro Aufschlagspiel und er würde viel weniger Breakbälle abwehren müssen. Da bin ich mir sicher
Die Djokovic-Injektion: Darren Cahill sagte mal, er hätte Jannik Sinner eine Dosis Djokovic injiziert. Sinner spielte früher ebenfalls nur volle Pulle. Ohne groß nachzudenken. Cahill lehrte ihn, seinen Verstand mehr zu nutzen und seine Schlagentscheidungen anzupassen. Mehr durch die Mitte. Tempo variieren. Mal eine schnelle Vorhand, danach eine mit mehr Spin und Länge. Dann eine mit Spin halbhoch durch die Mitte. Diese Variation des Tempos in den Grundschlägen führte a) zu viel mehr Sicherheit und b) zu mehr Fehlern beim Gegner. Das ist eine Sache, die Justin sofort besser machen würde
Mehr ans Netz: Nahezu alle jungen Spieler spielen von der Grundlinie großartig. Schaue dir Rafael Jodar an. Eine Maschine. Aber Justin spielt einen schönen Volley. Gegen Kopriva machte er 10 von 10 Punkten am Netz. Warum wird das nicht forciert? In Kombination mit seiner wunderschönen Rückhand oder seiner brachialen Vorhand wäre das eine Option, sein Spiel noch variabler zu gestalten - ohne sein Wesen zu verändern
Es würde mich persönlich sehr freuen, wenn ich die nächste Engel-Analyse über Netzangriffe und weniger Vorhand-Fehler schreiben könnte.

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