Taktik und Kopf: Die besten Methoden, um unbekannte Gegner als Verlierer den Platz abziehen zu lassen

Marco Kühn
von Marco Kühn

Es gibt sie.

Diese Typen, die marschieren.

Juan war so einer. 

Du weißt, wen ich meine, nicht wahr?

Juan Martin del Potro hatte damals einen unfassbaren Run. Er gewann 23 (!) Matches in Serie. Vier Turniersiege am Stück. Erst Andy Murray konnte den Turm aus Tandil im Viertelfinale der US Open 2008 stoppen.

Überleg mal:

23 Siege in Serie. 

War das Zufall? Ganz sicher nicht. 

Juan hatte natürlich einige Vorteile auf der Bespannung. Er war jung, hungrig - und unbekannt. Seine Gegner wussten noch nicht, dass er mit kurzen Slice-Bällen aufs T nichts anfangen konnte. Dazu spielte Juan ein Tempo-Tennis, das man bis dahin kaum gesehen hatte. Ich erinnere mich an ein Match von ihm gegen Rafa Nadal. Teilweise hämmerte del Potro Vorhände aus der Hüfte, so schnell, Rafa zuckte nicht mal. 

Der Matador sah keine Chance, an manche Geschosse heranzukommen.

Was uns zur Psychologie hinter diesem Erfolgslauf von del Potro führt. 

Diese Psychologie ist wichtig für dich, wenn du Turniere und Meisterschaft spielst. Wir müssen zunächst klären:

Wer ist ein unbekannter Gegner?

Die Frage klingt zu simpel, oder?!

Doch hab Geduld, lieber Tenniscrack. Es kann sein, dass du einen Gegner vom Namen her kennst. Du hast ihn mal auf einem Spielbogen gesehen oder bei Mybigpoint. Es kann auch sein, dass du mal mit ihm auf einem Turnier gequatscht hast.

Exakt, jetzt kommt das Aber:

Kennst du seine Spielweise? Weißt du, ob er Rechts- oder Linkshänder ist?

Eine kurze Geschichte dazu:

Als ich früher bei Jugendranglistenturnieren spielte, lernte ich Julian kennen. Wir trainierten fünfmal die Woche und spielten am Wochenende Turniere. Mit der Zeit lernte man sich untereinander kennen. Bei vielen Turnieren waren dieselben Spieler am Start.

Julian war ein Topspieler, mit einer herausragenden Technik. Nach einem Match, das Julian leider glatt verlor, unterhielten wir uns anschließend. Ich verfolgte das match aufmerksam. Auch immer mit dem Hintergedanken, selbst ein paar neue Dinge für mein Tennis zu lernen. 

Schlaue Spieler halten sich nicht für perfekt, vollkommen oder voll entwickelt. Schlaue Spieler halten sich für dumm, um so viel wie möglich lernen zu können.

Auch beim Tennis lernt man am effektivsten, wenn man die Fehler der anderen Spieler analysiert.

Ich sagte nach dem Match zu Julian:

" ... aber hey, warum hast du ihm immer auf seine Vorhand gespielt? Damit hat er ordentlich Dampf gemacht!".

Julian antwortete:

"Echt? Das ist mir nicht aufgefallen. Ich dachte, ich hätte ihm immer in seine Rückhand gespielt ...".

Ich sagte:

" ... Ähm, nee ... der war doch Linkshänder!".

Julian war erstaunt. Er sagte mir, dass er das im gesamten Match nicht gemerkt hätte.

Du glaubst nicht, wie wenig dein Gegner von dir im Match mitbekommt. Es ist erstaunlich. 

Schau:

Ein unbekannter Gegner ist ein Spieler, über dessen Spielweise du nichts weißt. 

Du kennst weder die Marke seines Rackets, noch weißt du, ob er das Shirt in der Hose trägt oder darüber. Du weißt nicht, ob er Stirnband, Cap oder keine Kopfbedeckung trägt. 

Du weißt nicht, ob er mit Dämpfer in der Bespannung spielt - oder ohne.

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Kurzum:

Ein unbekannter Gegner ist jemand, dessen Art Tennis zu spielen du nicht kennst. 

Es gibt zig verschiedene Spielertypen da draußen auf den Courts. Jeder ist einzigartig. Ich glaube nicht an das Einteilen von vier oder fünf verschiedene Kategorien. Daher rate ich auch dir, dass du mit diesem Quatsch Schluss machst. Falls du ein solches Denken bisher über deine Gegner hattest.

Es gibt keine Spielertypen-Kategorien.

Es gibt nur einzelne Matches. Und in jedem dieser Matches gelten andere, einzigartige Gesetze.

Was uns direkt zum nächsten wichtigen Punkt führt.

Warum ist ein Spiel gegen einen unbekannten Gegner anders?

Na klar gibt es Spieler, die einfach ihr Spiel spielen können. Oder wie der Taktik-Esel stets wiehert:

"Ich spiele meinen Stiefel runter!".

Schön, das kann er auch tun. Aber was machst du, wenn Probleme auftauchen? Wenn dein Stiefel daraus besteht, den Gegner auf der Rückhand festzunageln, dieser dir aber jede Rückhand mit Slice zwei Millimeter vor die Grundlinie setzt?

Was machst du dann?

Rafa Nadal sagte in einem Interview mal:

"Ich gehe einfach auf den Platz und versuche, die besten Lösungen für meine Probleme zu finden. Dabei gebe ich mein Bestes. Ob das reicht? Das sehe ich dann ..."

Merkst du den Switch in der Einstellung? 

Weg von dir, hin zum Gegner, zur Spieldynamik, zum großen Ganzen. Das ist ein ganz anderes Denken. Eine vollkommen andere Einstellung zum Match. Rafa hat ja den einen oder anderen Pokal gewonnen. Er wird wissen, wovon er spricht.

Es ist exakt diese Einstellung, die dir in deinen Matches gegen dir unbekannte Gegner hilft. Im Mentaltraining arbeite ich sehr gerne mit Fragen. Man nennt dies auch ganz unspektakulär die Frage-Methode.

Diese kannst du im Match, oder auch davor, für dich einsetzen.

Im Match gegen einen unbekannten Gegner kann das dann so aussehen:

  • Ist er Links- oder Rechtshänder?
  • Spielt er mit viel Spin oder mehr gerade, flach, schnell?
  • Bewegt er sich gut - oder nicht?
  • Spielt er lieber Vor- oder Rückhand?
  • Ist sein zweiter Aufschlag eine Chance, um zu attackieren?

Du kannst auch ein bisschen in die psychologische Richtung gehen:

  • Regt er sich schnell auf?
  • Wie ist seine Körpersprache? Zweifelt er, hat er mehr Angst, als ich?
  • Schaut er viel Richtung Publikum? Dann scheint er unsicher zu sein
  • Lässt er sich Zeit zwischen den Punkten oder ist er hektisch? Dann könnte er auch in längeren Ballwechseln hektisch werden

Tipp: Kopiere dir die beiden Listen in eine App oder drucke sie aus. Sie könnten sich in deiner Karriere noch als äußerst wertvoll erweisen.

Noch ein Tipp: Wenn du Trainer bist, dann kopiere dir die beiden Listen ebenfalls. Du kannst diese Tipps beispielsweise vor einem Match deines Schützlings in einem Gespräch durchgehen. Beim Sammeln der Bälle, beim Abziehen des Platzes oder einfach in einem kurzen Gespräch.

Das funktioniert ;-)

agassi neu

Wie kannst du dich auf ein Match gegen einen unbekannten Gegner vorbereiten?

Wir hatten im Blog bereits darüber gesprochen.

Stalke deinen Gegner nicht. 

Weder bei Mybigpoint, noch irgendwo anders. Ich weiß, der Mensch ist von Natur aus neugierig. Du willst wissen, wen du vor die Bespannung bekommst.

Spar dir diese Energie doch lieber und investiere sie stattdessen in deine Matchvorbereitung. In das, auf das du Einfluss im Match hast.

Ist das nicht wesentlich zielführender für ein geiles Match?

Du kannst dir ein paar Basis-Spielzüge zurechtlegen. Wer meinen Jimmy Djoker Kurs hat, der hat bereits zwölf Spielzüge auf seinem Smartphone.

Gehe in detaillierten Bildern das erste Aufschlagspiel des Matches durch. Dabei siehst du nur dich. Nein, du sollst kein Egozentriker auf dieser Welt werden. Doch du kennst den Gegner nicht. Er ist ein schwarzer Schatten.

Hier ein paar Fragen, die du in deinen Bildern beantworten kannst:

  • Wie willst du den ersten Aufschlag des Matches spielen? Mit Slice nach außen? Mit Tempo auf Mann? Ein Brett durch die Mitte?
  • Wann willst du im Ballwechsel auf den Punkt gehen? Direkt mit dem ersten oder zweiten Schlag? Willst du erstmal die Kugel im Spiel halten und Sicherheit gewinnen?
  • Willst du den zweiten Aufschlag deines Gegners attackieren, sofern dies möglich ist? Willst du beim Return weit hinter der Grundlinie stehen? Oder nur einen Schritt dahinter?

Versinke in deinen Vorstellungen. Stell dir exakt vor, wie du dich zum Ball stellst, wie der Schlägerkopf vor dem Treffpunkt des Balles unterhalb des Balles ist. Wie du deiner Vorhand ordentlich Spin gibst und diese halbhoch mit unfassbarer Rotation über das Netz fliegt.

Du wirst auf dem Platz merken, dass du dich sicherer fühlst bei deinen Schlägen.

Wann solltest du diese Visualisierungen durchgehen?

Ich würde dir den Abend vor deinem Match empfehlen. Du kennst sicherlich die Storys, wie Studenten und Schüler mit ihrem Buch unter dem Kopfkissen geschlafen haben. Ich kann dir leider nicht zu 100 % garantieren, dass das alles so funktioniert - mit dem Buch.

Ich kann dir aber garantieren, dass du mit detaillierten Visualisierungsübungen ein besseres Timing bei deinen Schlägen haben wirst. Das ist kein Garant für 22 Vorhand-Winner im Match. Ein besseres Timing kann dir aber 13 Winner bescheren ;-)

Wir haben dich taktisch und mental ein bisschen in Form gebracht. Ich habe noch ein paar Beispiele, um das alles für dich zu festigen.

Wie ich bei einem Jugendranglistenturnier gegen einen komplett unbekannten Gegner taktisch und im Kopf vorgegangen bin - und glatt in zwei Sätzen gewann

Auf dem Papier war er weit hinter mir.

Im Einspielen auf dem Court aber nicht.

Er hieß Johannes und spielte die ersten zwei Minuten im Einschlagen unfassbar stark. Kein Fehler, viel Spin - ich bekam schon Pudding im Schlagarm.

Ich blieb einigermaßen cool und wollte schauen, wie es im Match läuft. Einschlagen und Match sind zwei verschiedene Paar Lacoste-Hemden. Stattdessen prüfte ich, wo ich ihn packen könnte.

Ich spielte noch im Einschlagen bewusst ein paar kürzere und langsamere Bälle. 

Und tadaa:

Johannes bewegte sich nicht allzu gerne. Ich mein, wer liebt schon Beinarbeit?

Ich schrieb mir auf meinen imaginären Matchplan kurz und knapp "Laufen lassen" auf. Im nächsten Step suchte und fand ich meinen eigenen Schlagrhythmus. Ich war und bin immer noch ein riesiger Fan des "Kontrolle über Tempo Gedanken". Das mag daran liegen, dass uns früher im Verbandstraining mehr das Rhythmusspiel als das Gewalt-Tennis gelehrt wurde.

Aber klar, es liegt auch am individuellen Spielstil des Spielers. 

Carlos Alcaraz kannst du nicht mit Rhythmus kommen. Der will knüppeln.

Ich setzte mir im Kopf also folgende Taktik zusammen:

  • Sicher rechts-links spielen
  • Stopps einstreuen
  • Nicht zu viele Punkte durch leichte Fehler verschenken
  • Attackieren, wenn Rafael zu kurz wurde

Da ich Johannes vor unserem Match überhaupt nicht kannte, fand ich diesen Plan ganz gut. Ich hatte ein ziemlich detailliertes Bild und konnte nun anfangen, dieses Bild für meinen Erfolg zu nutzen.

Es funktionierte ganz gut.

Ich möchte hier auch wieder an die Lehre von Rafa erinnern:

Gehe ins Match, stelle dich den Problemen und finde die bestmöglichen Lösungen.
djoker

Wie Novak Djokovic beinahe von einem Underdog auseinandergenommen wurde und sich nur knapp retten konnte

Pures Tennisgold sind die Interviews nach den Matches.

Nicht die, die auf dem Court geführt werden. Ich meine die Interviews in der Pressekonferenz. Meist war der Spieler duschen und konnte das Match etwas sacken lassen. Sein Geist hat ein paar Dinge schon verarbeitet.

Diese Weisheiten erfahren wir dann in der Pressekonferenz.

Novak Djokovic sagte mal nach seinem Match gegen den Serve-and-Volley Spieler Maxime Cressy:

" .. unglaublich, er ist immer ans Netz gekommen. Ich kannte seinen Namen, aber ich wusste nicht, wie er spielt. Sein zweiter Aufschlag war enorm stark. Ich glaube, ich musste noch nie so einen gefährlichen zweiten Aufschlag returnieren ..."

Hier finden wir entscheidende Lehren für dein Tennis.

Der Djoker enttarnte schnell den zweiten Aufschlag als Stärke im Spiel von Cressy. 

Ungewöhnlich, oder?

In seinem Kopf wird er diese Information als Schlüssel zum Sieg verbucht haben.

Das ist kreativ!

Djokovic nahm schnell wahr, dass Cressy furchtlos ans Netz marschierte. Also musste Djokovic lange Rallys streichen. Das stelle ich mir nicht so ganz einfach vor. Denn die größte Stärke vom Djoker ist eben das Grundlinienspiel.

Dieses fand gegen Cressy aber fast nicht statt.

Djokovic musste umdenken. Taktisch, aber auch im Kopf. Er konnte nicht einfach "seinen Stiefel runterspielen". Er musste, jetzt kommt wieder Rafa ins Spiel, die Lösungen zu den Problemen finden.

Djokovic fokussierte sich vermutlich stark auf die zweiten Aufschläge von Cressy. Speziell bei den Big-Points wie 30:30 oder Einstand.

Der Djoker gewann das Match in zwei verdammt engen Sätzen.

Zusammenfassung

Was kannst du mitnehmen, um dich perfekt auf deine Matches gegen dir unbekannte Gegner einzustellen?

Hier ist deine Checkliste:

  • Stalke deinen Gegner nicht. Ergebnisse sagen nichts über die Spielweise aus
  • Denk an Rafas Lehre: Suche Lösungen für deine Probleme im Match
  • Stelle dem Gegner Fragen, indem du analysierst, wo seine Stärken und Schwächen sind
  • Lege klar fest, ob du abwartend oder direkt aggressiv spielen willst
  • Das Niveau im Einschlagen hat nichts mit dem Niveau im Match zu tun - lass dich nicht blenden
  • Gewinne ein detailliertes Bild deines Gegners
  • Verabschiede dich von dem "Ich spiele einfach meinen Stiefel runter!" Gedanken

Okay, das war es von meiner Seite für heute.

Ich wünsche dir in Zukunft viel Erfolg gegen unbekannte Gegner und viele geile Matches!

Dein Mentalcoach
Marco

Marco Kühn
Marco Kühn
Marco ist ehemaliger Jugendranglistenspieler. Er ist auf dem Tennisplatz groß geworden und Federer-Fan. Heute hilft er Tennisspielern emotional kontrolliert und taktisch überlegen Matches zu gewinnen.

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3 Kommentare

Felix
Felix
Hi Marco, starkes Ding.
Ich drucke mir das aus und packe es in die Tennistasche.
"Fragen stellen" ist die Devise.

Vielen Dank dafür.
FedFan
FedFan
Jetzt mal im Ernst: Ein Spieler der nicht merkt ob sein Gegner Links- oder Rechtshänder ist … das kann ich nicht ernst nehmen. Was für eine Pfeife soll das denn bitte sein?
Marco Kühn
Marco Kühn
Hey FedFan,

viel cooler ist doch, was du daraus lernen kannst. Wenn du beim nächsten Match deinem Gegner 20-mal in die Rückhand spielst, 15-mal den Punkt machst und dieser das nicht merkt - dann hast du etliche Vorteile ;-)

Marco

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